dieter (Gast) - 16. Apr, 18:48

Ja, Ja, die böse Politik

Doris Knecht steht wenigstens zu ihrer Intoleranz und beweist Einsicht, wobei diese Intoleranz bei ihr besonders weit geht. Sie hat nicht nur ein Problem mit anderen Kulturen, sondern offenbar generell mit Leuten außerhalb ihres bildungsbürgerlichen, fernsehkritischen Ökozirkels. Und ja, es ist wirklich Heuchelei, wenn man für eine offene, multikulturelle Gesellschaft eintritt, dann aber seine Kinder nicht von anderen Kulturen und sozialen Schichten beeinflussen lassen will. Der Gedanke ist für sie so unerträglich, dass nicht einmal der Besuch einer öffentlichen Volksschule für ihre Kinder denkbar ist. Wir sprechen hier ja schließlich nicht von einer städtischen Hauptschule.

Du, maschi, verteidigst dich ja auch, glaubst aber an die Quadratur des Kreises. Obligatorisch ist die Beteuerung, ja keine Probleme mit Ausländern zu haben und gerne im "Ausländerghetto" zu wohnen.
Stattdessen soll es die Politik (wer genau ist das?) richten. Mutter Politik soll wohl mit ihrem magischen Zauberstab lästige Proleten und Türken zu urbanen, österreichischen Bildungsbürgern machen.

Aber mit dieser Haltung bist du nicht alleine. Es ist mir schon lange klar, dass diejenigen, die Multikulturalismus fordern/forderten, häufig in Wahrheit Assimilierung in bunter Verpackung meinen. Die Ausländer dürfen ihre Hautfarbe und ein paar Nationalgerichte behalten, aber ansonsten sollen sie mit jedem Österreicher austauschbar sein. Wir sind ja so offen, solange alle so sind, wie wir selbst.

Diesen Bilderbuchmultikulturalismus wird es aber nie geben. Denn Eltern aus fremden Kulturen denken ja nicht anders, als du und Doris Knecht. Auch sie sehen es nicht gerne, wenn ihre Kinder nicht so werden, wie sie selbst und in einer von einheimischen Kindern dominierten Schule die Werte und Sitten von ungläubigen Schweinefressern übernehmen und eine Sprache sprechen, die sie nicht verstehen. Sie werden es sich nicht nehmen lassen, ihre Kinder möglichst nach ihrem Ebenbild zu formen.

Das, was Doris Knecht und maschi wünschen, ist nichts anderes als ein Nationalstaat. Also ein Staat, in dem weitgehende ethnische, kulturelle und sprachliche Homogenität herrscht, wo man seine Kinder sorglos in die nächste Schule schicken kann, ohne sich sorgen darüber zu machen, ob die Kinder dort auch als kleine Österreicher aufwachsen.

Das ist eben ein Bereich, in dem das persönliche sehr wohl politisch ist. Wer im Alltag mit dem Vielvölkerstaat Probleme hat, der soll ihn auch nicht politisch unterstützen.

maschi - 16. Apr, 19:10

aber nein. dein statement geht für mich am wesentlichen punkt vorbei. es geht nicht darum, dass irgendjemand assimiliert werden soll, weder in grauer noch in bunter verpackung.

ich habe keinerlei problem damit, wenn juden ihre kinder in jüdische schulen schicken wollen oder christen ihre kinder in christliche schulen oder ich eben meine kinder in eine schule, in der versucht wird, die gleichberechtigung der geschlechter zu leben.

und ein problem mit ausländern (stichwort nation, hautfarbe, sprache) habe ich tatsächlich nicht. wichtig sind mir aber jene kulturellen aspekte, die ich gerade auch für ein zusammenleben für wichtig halte. und in dieser hinsicht möchte ich zb nicht, dass meine töchter ausschliesslich mit einer mehrheitskultur konfrontiert sind, in der nach meiner erfahrung der gruppendruck enorm hoch ist und etwa die gleichberechtigung der geschlechter für mich noch nicht ausreichend gelebt wird.

ua. deshalb wandere ich auch nicht nach istanbul oder teheran aus...

die politik kritisiere ich, weil es zuwenig bemühungen gibt, schulen zu schaffen, in denen die begegnung ganz unterschiedlicher kulturen zu einer bereicherung werden kann... auch deshalb, weil die durchmischung eine gesunde ist, ja, das gehört dazu, denn sonst gehts eben genau wieder in richtung assimilierung. solche schulen würde ich persönlich dann anstreben für meine kinder, und andere würden das vielleicht genau so sehen.

maschi als verfechter des nationalstaats... kreativ aber!
dieter (Gast) - 16. Apr, 20:10

Wieder nichts konkretes

>die politik kritisiere ich, weil es zuwenig bemühungen gibt, schulen
>zu schaffen, in denen die begegnung ganz unterschiedlicher kulturen
>zu einer bereicherung werden kann...
Wie genau soll das aussehen? Durch welche Aspekte welcher anderer Kulturen möchtest du deine Kinder bereichert wissen und wie soll das vonstatten gehen?

Zu dieser gegenseitigen Bereicherung müsste auch dazu gehören, dass deine Töcher quasi als Vorkämpferinnen des Feminismus muslimische Schülerinnen bereichern müssten. Und wie soll der Staat verhinden, dass die muslimischen Schülerinnen deinen Töchtern das abhängige Hausfrauendasein schmackhaft machen, oder, dass Burschen das Familienehre-Gockel-Gehabe übernehmen?

Wer soll denn kontrollieren, was die Kinder von zuhause für Ideen mit in die Schule bringen und am Pausenhof verbreiten und ausleben?
maschi - 16. Apr, 20:25

die bereicherung findet schon dadurch statt, dass man mit verschiedenen dingen in berührung kommt. das gilt auch für verschiedene kulturen.

du kastelst mir das alles ein bisschen arg ein. hier "vorkämpferinnen des feminismus" dort das "abhängige hausfrauendasein". das bringt mich jetzt irgendwie nicht wirklich weiter.

kontrollieren muss die ergebnisse meiner ansicht übrigens gar niemand - wir lernen ganz von selbst die für die zukunftsbewältigung nützlichen kulturaspekte zu übernehmen und weniger nützliche fallenzulassen. wir lernen allerdings schneller, wenn wir uns mit unterschiedlichen optionen auch konfrontieren.

ist sicher auch eine welt- und menschenbild sache, ob man daran glaubt, dass das ganz von selbst positiv wirken kann.

ach ja konkretes, schauen wir mal, was ich mir auf die schnelle aus den fingern sauge: zb kann ich mir vorstellen, dass wir von unseren türkischen mitbürgern lernen könnten die werte familie, kinder, "zusammenhalt im kleinen" wieder etwas höher zu halten. und sicher auch noch vieles andere, von dem ich momentan keine ahnung habe...
dieter (Gast) - 16. Apr, 21:46

Was du "einkasteln" nennst, nenne ich Konkretisierung von zugegebenermaßen vordergründig wohlklingenden Worthülsen.

Über andere Kulturen kann man sich auch mit Reisen, Büchern und sonstigen Medien informieren. Es ist dazu nicht nötig menschliches Anschauungsmaterial für die eigenen Kinder zu importieren.

An die Weiterentwicklung der Kulturen glaube ich auch. Bloß können in einem multikulturellen Staat gewisse negative kulturelle Asptekte zum identifikationsstiftenden Merkmal werden. Die Türken in der Türkei können sich weiterentwickeln, ohne sich darum sorgen zu müssen, ob sie dadurch ihre Identität verlieren.

Und wenn das alles so toll ist, warum nicht wirklich als Erwachsener ein paar Jahre in Teheran verbringen? Eigentlich müsste man als überzeugter Multikulturalist konsequenterweise die massenhafte Auswanderung von Europäern nach Indien, Afrika und China befürworten, um die dortigen Kulturen europäisch aufzuwerten. LOL

Familienwerte und familiärer Zusammenhalt: Warum geht es da? Liebst du deine Eltern und deine Kinder etwa nicht? Glaube ich nicht. Darum kann es also nicht gehen.

In der Tat klingt eine erweiterte Familienstruktur über die Kernfamilie hinaus irgendwie romantisch und positiv. Ich kann mir aber nicht vorstellen, wie sich das mit dem Individualismus und romantischer Eheschließung vereinbaren lässt.
Wenn man sich nämlich Hilfe und Zusammenarbeit von erweiterten Verwandten wünscht, dann muss man sich auch selber einschränken und vor der Sippe verantworten, insbesondere bei der Partnerwahl. Dann wird es wichtig, dass nicht die falschen bzw. inkompatible Leute in die Famile einheiraten.
Damit muss man wieder um die Hand seiner Außerwählten anhalten und die eigenen Eltern um Erlaubnis fragen.

Das hatten wir hier in Europa alles schon mal. Die Türken bringen insofern nichts neues und von diesem System haben wir uns zugunsten individualistischer Partnerwahl und der Kernfamilie getrennt.

Nun, wenn eine Kultur die positiven Aspekte beider Welten vereint hätte, dann könnten wir weiter reden.
maschi - 16. Apr, 22:15

mmh. jetzt kommt eine leicht aggressive komponente rein (worthülsen, menschliches anschauungsmaterial, überzeugter multikulturalist, inkompatible leute...) und auch eine reihe argumente, von denen ich wenig halte, so dass ich wohl nicht wirklich davon profitieren würde, das weiterzudiskutieren. bringt mich nicht weiter und soll ja keine einseitige sache werden. schade. danke für deine comments.
dieter (Gast) - 16. Apr, 22:40

War nicht aggressiv gemeint.

Inkompatible Leute im Sinne von Sympathie. Wenn du eine erweiterten Familienbund haben willst, dann muss dein Schwiegersohn und dein Schwager auch zu dir passen und nicht nur zu deiner Tochter bzw. deiner Schwester. Sonst funktioniert das mit dem Zusammenhalt in der Großfamilie nicht. Du müsstest bei der Partnerwahl auch die zukünftigen Schwiegereltern berücksichtigen.

So läuft das in diesen Kulturen. Das habe ich, wenn du so willst, als Kind bei türkischen Schulfreunden per kulturellem Austausch so mitbekommen.

Wir Europäer sind zu solchen Einschränkungen und Kompromissen nicht bereit. Lieber den Besuch der nervenden Schwiegermutter einmal im Monat ertragen, als sich die Traumfrau durch die Lappen gehen lassen.

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